Samstag, 17. November 2012

... bend down low I play the clown?

"CCTV - Partizipation" Kunsthalle Münster
Der Hofnarr ist eine bekannte Figur, die bekanntermaßen vom König geduldet wird. Die böse Form des Hofnarren ist der verrückte Clown, am besten verkörpert in Figuren wie Heath Ledger`s Joker.
Der fundamentale Unterschied zwischen den beiden Figuren, ist der der Diziplin. Während der Hofnarr sich bei aller Freiheit seines Narrentums noch innerhalb eines von außen geschaffen Regelwerks bewegt, ist der Joker nicht mehr kontrollierbar und disziplinierbar. Der Joker verkörpert also den Idealfall der Partizipation (Bei aller Kritik an der ethischen Zweifelhaftigkeit seiner Handlungen): Das radikal autonome Subjekt.

"CCTV - Partizipation" Kunsthalle Münster

Warum? Es lohnt sich ein wenig weiter auszuholen und das ganze anhand von zwei kurzen Thesen zu betrachten. Greil Marcus beschreibt in seinem Buch "Lipstick Traces" eine avantgardistische Performance, in der das Publikum von der Künstlerin (die uns irgendwie an Marina A. erinnert) zum mitmachen aufgefordert wird. Dieses Mitmachen kann auf vielerlei Arten geschehen: Man kann sie vögeln, sie beschimpfen, mißhandeln usw. Die Zuschauer werden so zu vermeitlich Handelnden und sind nicht mehr nur passive Konsumenten. Doch sie beugen sich der Herrschaft der Künstlerin, indem diese die Hoheit behält, die Performance für beendet zu erklären (vorzugsweise durch eine Assitentin oder ähnliches). Dieses Szenario zeigt die Züge der geduldeten Freiheit - sozusagen von des Künstlers/Autors Gnade. Marcus argumentiert die wirkliche Freiheit/Teilhabe bestehe nun darin, die Regeln der Künstlerin nicht anzuerkennen und in einem Akt der Selbstermächtigung auszurufen: "Ich bin der Künstler. Jetzt wird nach meinen Regeln gespielt." Nur dann entstehe wirklich eine Wahlmöglichkeit, die nicht von Anfang an festgelegt und determiniert ist, die nur eine Scheinfreiheit sei. Sprich: Freiheit nimmt man sich, sie ist performativ und sie wird nicht durch Gnade gewährt!

Nun einige Überlegungen - frei nach einem Modephilosophen - in Anschluss an Michel Foucault und seinem Begriff von der "Disziplinargesellschaft". Wie funktioniert Diziplinierung?
"CCTV - Partizipation" Kunsthalle Münster
Zunächst einmal muß sie eingeführt und durchgesetzt werden, so daß gehorcht wird. Dies geschieht nicht durch die bloße Androhung von Gewalt, sondern durch die Etablierung eines komplexen Machtgefüges. Das zeigt Foucault anhand seiner Analyse des Benthamschen Panoptikums in "Überwachen und Strafen". Er legt dar, dass die Erziehung des zu Disziplinierenden ohne die Androhung von (körperlicher) Gewalt geschehen kann, einfach durch Subjektivierung und Überwachung des Delinquenten und die Technologisierung und Entindividualisierung der Macht und der Beobachtungsituation. Der Andere wird allein schon dadurch kontrolliert, dass er das Gefühl von Kontrolle hat - egal ob real gegeben oder nicht - und sein Verhalten entsprechend in einem vorauseilenden Gehorsam anpaßt. Dadurch wird erreicht, dass ihm die Kontrolle über seine Kommunikation entzogen wird: Teilen und Herrschen. Und zwar durch die entzogene Autonomie seines Informationsflusses. Hier kommt - nur als Nebenbemerkung- heute der aktuelle Diskurs über das Netz und seine fortschreitende Regulierung ins Spiel.



"CCTV - Partizipation" Kunsthalle Münster
Nun läßt sich im Anschluss an diese Überlegungen die Frage nach der "Freiheit der Kunst" in unserer Gesellschaft stellen: 
Setzen wir in einer Gleichung mal die von Greil Marcus beschriebene Künstlerin dem Staat gleich. Den Künstler dem Zuschauer. Was haben wir: Hofnarren.
Jetzt ändern wir mal die Gleichung folgendermaßen: Staat = Künstlerin und der Künstler ist jetzt der aufspringende, sich selbst ermächtigende Zuschauer, der aufbegehrt und schreit "Ich bin der Künstler?" Was haben wir da: den Joker. Oder eventuell den Terroristen?  

Eine kleine Überlegung: Wenn ich als Künstler es als einen künstlerischen Akt ansehe Bankautomaten zu sprengen, wie steht es da mit der Freiheit der Kunst? Unter Berufung auf Dada, Fluxus oder die Situationisten könnte man den Akt durchaus als künstlerisch deklarieren. Aber es wäre unwahrscheinlich, dass eine solche Performance/Intervention als künstlerische Handlung und somit unter die von Artikel 5 gewährte Freiheit der Kunst fallen würde. Wir können es aber auch nochmal runterbrechen auf folgendes Setting: In der Nachfolge des guten alten Pißbeckens von Duchamp, möchte die Konstruiertheit von Kunst durch ein festgelegtes Regelwerk aufzeigen: gehe mit einem Hammer ins Museum und haue als ästhetischen Akt auf eben genau dieses Pissoir. Habe ich eine Chance auf Anerkennung dieses Aktes als Kunst? Ich würde sagen nein. Dieses Beispiel hat übrigens so ähnlich stattgefunden. Und von der Freiheit der Kunst, ist es nur ein kleiner Schritt zur Redfreiheit.


In diesem Sinne, einen schönen Tag noch.


PS: Im vorauseilendem Gehorsam gegenüber dem Leser: Das Lektorat hat grade Stress  mit Angus "Highway to Hell" Young. Also bitte die mangelhafte Orthografie entschuldigen.


PPS: Das Lektorat hat sich gerade mal 5 Minuten Zeit genommen und sich der "Kunstverbesserung" hingegeben.

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