Dienstag, 20. November 2012

Retrowas?

Sind die viel diskutierten Thesen von Simon Reynolds, darüber ob Pop sich selbst zu Tode recycelt auch auf die Kunst übertragbar? Ist aus der alten Binsenweisheit, dass Vielfalt gut tue, im Westen nix neues geworden? Ein kurzer Blick auf die Lage des Pop: Adele, Lana del Rey, Hurts, oder Kitty, Daisy & Lewis nostalgischer Sound - wohin man auch schaut, besser: hört. Durch die immer und weltweit verfügbaren Archive des Netzes ist die Zeitreise nur einen Klick entfernt. Und überhaupt, so Reynolds These, die einzelnen Künstler spielten eh keine Rolle mehr, wichtig seien die Marken wie Apple, Napster, usw und hätten die letzten Jahre geprägt. Coverversionen, Samples, Remixes und Mash-Ups allenthalben. Sprich: Es  mangelt mal wieder an Originalität und Innovation.
Durch die allgegenwärtigen Kulturarchive etabliere sich aus einer Sehnsucht nach Beständigkeit ein neuer langweiliger Konservatismus.

Tja, und da wären wir schon beim alten Mythos von der Originalität. Wie der Satz schon sagt, handelt es sich um einen Mythos, zumindest zum Teil. In der Debatte um Urheberrecht und Filesharing ist sehr gut heraus gearbeitet worden, dass nichts aus dem Nichts kommt. Viel eher handelt es sich bei kreativen Prozessen eher um Rekombinationen von Material und Quellen. Aber: hinzu kommt immer ein Quentchen Neues, worin es auch liegen mag. (Beispiel: mal "Everything is a Remix" bei Google eintippen). Selbst die springentesten Vertreter der These, dass der Autor tot sei, haben noch immer etwas neues dabei und sei es eben diese These. Wobei die ja nun auch nicht mehr neu zu nennen ist, weshalb eine Helene Hegemann oder Karl Theo von Gutenberg eher als überführte Plagiatoren gelten, zumal das ganze, zumindest im Falle von Hegemann, erst im nachhinein mit poststrukturalistischer Theoriesoße überzogen wurde.

Doch zurück zum Thema: Betrifft das ganze auch die Kunst? Wir behaupten: Ja. Ständig latschen wir total gelangweilt durch irgendwelche Ausstellungen, in denen wir den immer gleichen Kram sehen. Meist unterscheidet er sich nur durch Nuancen. Auch der Nachwuchs und die Shootingstars bieten selten mal was wirklich Interessantes, im Sinne von "so noch nicht gesehen". Sondern stattdessen haben wir ne  Menge kleiner Baselitze, Koonse usw,  oder NeoFluxus, Neominimal, Neoconcept und was auch immer. Noch schlimmer ist es im Hobbybereich, da geben sich die Minipollocks  und Richters die Klinke in die Hand. Nicht ganz unschuldig an dieser Entwicklung sind wahrscheinlich die Kunstpornos wie Art, Kunstforum, Monopol usw und das Netz, na klar. Dadurch die Allegegenwart der Vorlagen und ihrer Omnipräsenz findet eine Konditionierung statt, auf das was geht und was nicht. Das gilt auch für Biennale und Documenta, ständig sieht man, was man noch bringen und was nicht. da will man doch nicht hinten anstehen. Will man im Gleichklang mit den Gesängen vom Ende der Avantgarden und der großen Erzählungen bleiben, fällt es schwer noch zu sagen: Ich habe eine Vision von einem unbekannten Land, in der die Kunst noch Sprengkraft hat und nicht zu einem gelangweilten "Sieht aus wie bei...", "Kennst du Dingsbums, hat der  auch schon gemacht...." führt. Was wir eigentlich brauchen sind die Spinner, die Irren, die Genies, die Schwererziehbaren, die diesen utopischen Raum mal wieder neu erkunden. Die sagen: "Das ist doch alles Bullshit hier. Last uns das Rad erfinden, das Feuer." Sicher, das mag aus postmoderner Ironie (alles schon gesagt, also sag ich`s ironisch) ein wenig lächerlich klingen. Aber im Grunde ist es das, was Kunst interessant macht und nicht dieses boring Kennergehabe.

Aber das Ganze bietet eben auch die Freiheit, produktiv mit dem vorhandenen umzugehen. Mit den Samples und ihrer Rekombination zumindest ein Stück weit Neues zu schaffen. Jenseits von "Kann ich das noch bringen, wenn ich am Markt mit meiner Strategie (Reizwort) Erfolg haben will? Und Apple, äh, die Instituionen und die Sammler es noch mögen."

In diesem Sinne: Genießt die Sonne.


Nachbemerkung: Reynolds spricht übrigens in diesem Zusammenhang von der neuen Sehnsucht nach Vinyl - ich sage nur Super 8, Polaroids, usw . Die neue  alte Sehnsucht nach (vermeidlicher) Authentizität. Das sprengt jetzt hier aber den Rahmen.


Und wie immer, der Hinweis ans Lektorat.

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