Mittwoch, 19. Dezember 2012

Der Elfenbeinturm als idealer Ort der Kulturförderung

In den letzten beiden Tagen habe ich mal wieder verstärkt über den Sinn und Unsinn von öffentlicher Kulturförderung nachgedacht. Ausgelöst wurde das ganze durch diesen Beitrag "Forschung braucht Verrücktheit" bei DRadio Wissen. Er bezieht sich zwar nicht auf Kunst, aber meiner Meinung nach lässt sich einiges des darin geäußerten auch auf Kunst und Künstler übertragen. 
Die Kernthese des ganzen läuft darauf hinaus, dass relevante Grundlagenforschung von der Zweckoptimierung des Marktes abgekoppelt werden muss. Ähnlich wie den allseits beliebten postfordistischen Arbeitslandschaften ala Google, wird das Labor von Niels Bohr als kreative Spielwiese beschrieben. Spätestens dort schließt sich nun der Vergleich zum Kunstbetrieb wieder: Das Atelier ist von jeher ein Ort der unter den Begriff der Heterotopie von Michel Foucault zu fassen ist.


Mal ein bisschen konkreter stelle ich jetzt die folgende These in den Raum: Kunst muss idealerweise vom Markt abgekoppelt werden, damit wirklich spannende Dinge passieren und nicht nur Null-Acht-Fünfzehn Kunst von der Stange stattfindet. Es braucht Orte des kreativen Nichtstun (dazu an anderer Stelle später mehr), an denen sich, ähnlich wie in Bohr`s Labor, Künstler treffen und in einem Akt des freien Geisteslebens absurde Ideen bei Kaffee und Zigarette austauschen, ohne gleich als Irre zu gelten. Diese Orte sind gemeinhin eben Ateliers und besonders Atelierhäuser. Sie stellen im besten Sinne des Wortes Elfenbeintürme dar, da dort, abgekoppelt von dem alltäglichen Wahnsinn um uns herum, ein zwangloser und nicht zweckoptimierter Austausch von Gedanken stattfindet und ein großer kreativer Fluss entsteht, der sich aber nicht unbedingt in ökonomisch verwertbaren Produkten niederschlägt. Ich nenne es einfach mal künstlerische Grundlagenforschung. In einer solchen Umgebung gedeihen Kreativität, künstlerisches Denken. Sie wirkt wie ein schneller Brüter in dem die Neuronen der verschiedenen Protagonisten sich wild und unkontrolliert gegenseitig befeuern. Das mag auf den ersten Blick Leuten, die dieses oftmals als banales Kaffeetrinken daherkommende Schauspiel nicht gewohnt sind, als faules Herumhängen erscheinen, aber es ist eben alles andere als das. Es ist das Ping - Pong Spiel der kollektiven Kreativität.



Nun zurück zur Kulturförderung: Diesen Nährboden zu fördern ist eine der Aufgaben und der wahrscheinlich wichtigste Zweck öffentlicher Förderung. Viel wichtiger als konkrete Projektföderungen ist es für die Kulturpolitik solche Orte zu schaffen und die Beteiligten möglichst aus den Verwertungszwängen des Marktes herauszunehmen. In diesen kreativen Labors kann es zum Beispiel sein, dass 5 Jahre nur Müll produziert wird und im sechsten Jahr dann plötzlich der große Wurf gelingt. Da helfen keine Tortendiagramme, Flowcharts und Controlling. Dies zu ermöglichen ist aber quasi zwingend daran gekoppelt, sich von Leuchtturmprojekten ala Creativecities und vor allem der Subsumierung unter dem Label der Kreativwirtschaft zu verabschieden. Kunst ist wieder als das zu begreifen was sie idealerweise sein sollte: Das Spielfeld von Querdenkern und Querköppen jenseits des Finanzkunstmarktes. Das Infragestellen eines allzu festen Status Quos. Und nicht als Dekorationsobjekt zur Standortstärkung. Und die durch die Förderung von Kreativlabors eine der Kunst zuträgliche Struktur zu schaffen.

Liebes Lektorat, walte bitte deines Amtes.

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